Deutsch-französische interparlamentarische Zeitung/ Journal interparlementaire franco-allemand

Die Franzosen und die Angst vor der Globalisierung

avril 1, 2007 · Laisser un commentaire

Das französische Meinungsbild von der Globalisierung zeigt eine Besonderheit zu allen anderen europäischen Ländern. Frankreich gehört zu den wenigen Länder in der EU, in denen eine Mehrheit der Bevölkerung in der Globalisierung eine Gefährdung der Wirtschaft und des Sozialstaats sieht.

Laut Umfragen sind in Frankreich 58% der Befragten der Meinung, die Globalisierung sei eine Bedrohung für Arbeitsplätze, für 65% verschlimmert die Globalisierung die sozialen Ungleichheiten und 56 % denken, die Globalisierung gefährde die Identität des Landes.

Diese Zahlen zeigen deutlich die Skepsis der Bevölkerung gegenüber diesem Phänomen.

 

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www.no-racism.net

Dieses negative Bild aus den Umfragen ist auf verschiedene Art und Weise mehrfach zu Tage getreten. Erstmals zeigte sich die Angst vor der Globalisierung während der Generalstreiks von Dezember 1995, die ganz Frankreich paralysierten. Öffentliche Verkehrsmittel, Schulen, Post und Verwaltungen standen während zwei Wochen still. Dies war der Anfang einer massiven und gemeinsamen Reaktion gegen die Folgen der Globalisierung und ließen auf eine tiefe Krise in der französischen Gesellschaft schließen. 1999 gab es erneut Proteste und Straßenblockaden anlässlich der WTO-Ministerkonferenz in Seattle. Gleiches geschah auch 2001 während des G8-Gipfels in Genua. Ebenfalls zeigt das negative Wahlergebnis des Referendums vom 29. Mai 2005 über den europäischen Verfassungsvertrag die ablehnende Grundhaltung der Franzosen.

Paradoxerweise scheint Frankreich indes wirtschaftlich zur Avantgarde der Globalisierung zu gehören. Es ist eines der Länder, in dem besonders viel ausländisches Kapital investiert wird. Frankreich ist ebenfalls die fünft größte Exportmacht der Welt, wobei die Exporte von Waren und Dienstleistungen etwa ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts entsprechen.

Die großen französischen Konzerne haben sich bereits für die Globalisierung gewappnet und gehören inzwischen zu den größten Profiteuren der Globalisierung. Nicht selten zählen sie zu den Marktführern, sei es in der Automobilbranche (PSA, Renault), in der Aeronautik (Airbus), im Einzelhandel (Carrefour), im Baugewerbe (Bouygues), im Bereich der Kosmetik- und Luxusgüter (L’Oréal, LVMH) oder auch im Dienstleistungssektor (Axa, Suez). Davon profitieren natürlich auch die französischen Bürger, da gerade wegen der Erfolge der Unternehmen Arbeitsplätze in den Heimatmärkten gesichert und aufrechterhalten werden.

Wie lässt sich aber erklären, dass Frankreich zum einen zu den größten Nutznießern der Globalisierung gezählt wird, zum anderen aber die Bevölkerung extreme Vorbehalte gegen die Globalisierung hat?

Augenscheinlich steht dies wohl in einem engen Zusammenhang mit dem „modèle social français“ bzw. der „exception française“, dem französischen Modell des Sozialstaates. Das französische Sozialstaatsmodell findet in fast allen Teilen der Bevölkerung breite Zustimmung und reflektiert entsprechend eine große Erwartungshaltung der Franzosen gegenüber ihrem Staat. Die soziale Fürsorge wird als wesentliche Aufgabe des Staates gesehen. Insofern werden jegliche Einschnitte und Einbußen in sozialer Hinsicht als Abkehr von den Hauptaufgaben des Staates in der Bevölkerung wahrgenommen. In Zeiten des globalen Zusammenwachsens der Märkte ist jedoch ein solches Sozialstaatsmodell nicht mehr finanzierbar. Grundlegende Reformen sind notwendig. Der Weg dahin ist steinig.

Carole DEWEZ

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