“Die Achse Berlin-Paris ist noch nicht reif für die Antiquitätenabteilung”
Übereinstimmend wird in der französischen Presse die hohe symbolische Bedeutung der ersten Reise des neuen Staatspräsidenten nach Berlin hervorgehoben. Auch wenn es zur Tradition geworden ist, dass der neu gewählte französische Staatspräsident Deutschland den ersten Auslandsbesuch abstattet, findet zum ersten Mal diese Reise unmittelbar nach der Amtseinführung statt, bemerkt LE NOUVEL OBSERVATEUR. Festgestellt werden auch der Generations- und Stilwechsel und die herzliche Atmosphäre zwischen der Bundeskanzlerin und dem neuen Präsidenten. In LE MONDE wird mehrfach der „fast religiöse“ Wortschatz von Nicolas Sarkozy und Angela Merkel – die deutsch-französische Beziehung sei ein „Wunder“ und für Frankreich „heilig“ – zitiert. Vom Wechsel im Elysée-Palast an diesem Mittwoch erwartet François Heisbourg, Direktor der Pariser Stiftung für strategische Forschung, „neue Impulse für das bilaterale Verhältnis“ in LA TRIBUNE. Er unterstreicht, dass viele gemeinsame Ansichten den Präsidenten und die Kanzlerin verbinden, unter anderen ihr pragmatisches Vorgehen oder ihre reservierte Einstellung zu Russland.Diese gemeinsamen Blickwinkel sollen die Zusammenarbeit zwischen Paris und Berlin erleichtern, besonders auf der bodenständigen Ebene eines „Europas der Projekte“.

Verbreitete Skepsis
In Teilen der französischen Presse wird allerdings auch an die Skepsis in Deutschland während des französischen Wahlkampfes bezüglich der Einstellung Sarkozys zur deutsch-französischen Freundschaft, zur EU mit seiner EZB-Kritik und seiner betont patriotischen Industriepolitik erinnert. In LIBERATION wird darauf hingewiesen, dass Nicolas Sarkozy im Wahlkampf und schon früher die Bedeutung des deutsch-französischen Paares eher heruntergespielt habe – und daran bezweifelt, dass die Reise nach Berlin diesen ersten Eindruck korrigieren könne. Nicolas Sarkozy und Angela Merkel am meisten verbinde, so LA TRIBUNE, sei nicht zuletzt ihre Auffassung, das traditionelle Doppel aus Deutschland und Frankreich sei “als Motor für das heutige Europa alleine nicht mehr kräftig genug“. Über das Sonderthema EADS gibt außerdem LE FIGARO den skeptischen Tönen besonderen Raum: auch wenn er in Berlin die Notwendigkeit betonte, “gemeinsam eine Lösung zu finden” habe der neue Präsident nie einen Hehl aus seiner Ablehnung der deutsch-französischen Parität bei EADS gemacht. „Der Himmel des Paares wird nicht wolkenlos sein“, so LIBERATION.
Not einer Wiederbelebung des “deutsch-französischen Motors” für die EU
„Wenn ein Pärchen nicht 24 Stunden abwarten kann, um sich zu wiederzusehen, heißt das entweder dass die Leidenschaft brennend ist, oder der Bedarf dringend“, schreibt LA TRIBUNE. Laut der Zeitung bestehe der Bedarf, das deutsch-französische Band aufzuwärmen. Es gäbe ein gemeinsames Interesse, bei der Suche nach einem Ausweg für die EU-Verfassungskrise aufs Tempo zu drücken. Als neuer Präsident müsse Nicolas Sarkozy dringend Frankreich wieder an den Tisch der Verhandlungen bringen. Der EU-Ratsvorsitzenden Merkel könnte eine enge Abstimmung mit dem französischen Staatspräsidenten dabei helfen, dass der EU-Gipfel Ende Juni die Mitgliedstaaten in der Verfassungsfrage “schon einen Schritt voranbringt”. Begrüßt von LES ECHOS wird in dieser Hinsicht Sarkozys Absicht, zur Unterstützung Merkels bei unwilligen EU-Mitgliedsstaaten durch “diplomatische Konsultationen” für einen vereinfachten Vertrag zu werben. Juliette Roger
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